WAFFENHISTORISCHES EXPOSÉ
Meisterstück der Büchsenmacherkunst – Mitte 19. Jahrhundert

Dieses Dokument beschreibt eine außergewöhnlich luxuriöse und museale Perkussions-Jagdbüchse aus der Mitte
des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den häufiger anzutreffenden, rein funktionalen Gebrauchswaffen dieser
Epoche handelt es sich bei diesem Exemplar um eine exklusive Prunkfertigung für gehobene gesellschaftliche
Kreise.

TECHNISCHE SPEZIFIKATIONEN

MERKMALE & TECHNISCHE DATEN
Systemtyp Perkussionsbüchse (Jagdstutzen) mit rückliegender Feder
Büchsenmacher Gustav Gerling, Kiel (Schloßstraße 3) – aktiv um 1850–1870

Laufbeschaffenheit

Achtkantiger, fein gezeichneter Banddamast-Lauf mit goldgelegter Signatur
(„G. GERLING IN KIEL“)

Laufseele Gezogener Lauf mit scharfem Zug-Feld-Profil (endoskopisch verifiziert)
Visierung Klassische offene Visierung (Standvisier und Schieber)
Abzugssystem Deutscher Stecher (Doppelabzug) für feinste Justierung des Abzugsgewichts

Schlossplatte

Reich graviert mit floralen Arabesken und jagdlichen Motiven (Jagdhund-
Darstellungen)

Perkussionshahn Plastisch ausgeformter, gravierter Hahn in stilisierter Tierkopfform

Schäftung

Erlesenes Nussbaumholz, garniert mit tiefen, erhabenen Reliefschnitzereien
(Rotwild- und Jagdszenen) am Kolben

Beschläge

Fein gravierte, passgenaue Garnitur aus poliertem Metall und Messing/
Neusilber-Einlagen

Beschussstempel

Historischer Lütticher Beschussstempel (ELG auf Stern im Oval, ohne Krone)
an der Laufunterseite

 

Waffenhistorische Besonderheit: Der Lütticher Beschussstempel in Kombination mit der Kieler
Meisterprägung belegt eindrucksvoll die damalige Praxis, bei der absolute Spitzen-Büchsenmacher wie
Gerling die hochgeschätzten Rohläufe aus dem belgischen Fertigungszentrum Liège bezogen, um sie in
eigener Werkstatt zu individuellen Meisterstücken auf Kundenwunsch zu vollenden.

 

HISTORISCHE EINORDNUNG & TYPOLOGIE
Gustav Gerling betrieb in der Kieler Schloßstraße eine renommierte Werkstatt sowie eine „Niederlage“
(Waffendepot) für Jagd- und Luxuswaffen. Während ein Großteil der erhaltenen Gerling-Waffen stärkere
militärische Einflüsse aufweist – bedingt durch die Schleswig-Holsteinische Erhebung (1848–1850), in der
Jagdbüchsen oft mit Bajonettbünden für Freikorps modifiziert wurden –, bricht dieses Stück vollständig mit dem
rein utilitaristischen Ansatz.
Die Waffe repräsentiert den klassischen mitteleuropäischen Jagdluxus des Biedermeier bzw. Historismus. Der
Fokus lag hierbei auf maximaler handwerklicher Repräsentation. Der plastisch geschnittene Hahn, die tiefen
Schaftverschneidungen ohne die sonst übliche, einfache Fischhaut und die feine Goldtauschierung auf dem
Laufband weisen auf eine gezielte Einzelanfertigung für einen wohlhabenden Auftraggeber (Adel oder gehobenes
Großbürgertum) hin.

KONSERVATORISCHER ZUSTAND
Die Büchse befindet sich in einem bemerkenswerten, sammelwürdigen Erhaltungszustand. Die mechanischen
Funktionen des Schlosses und des Stechers sind präzise gegeben. Die Außenflächen des Damastlaufes zeigen eine
gleichmäßige, historische Alterspatina mit hervorragend sichtbarer Bandstruktur.
Eine moderne endoskopische Untersuchung des Laufinneren bestätigt, dass das Zug-Feld-Profil über die gesamte
Lauflänge scharfkantig erhalten ist. Es liegen keine tiefen Lochfraßnarben im Bereich des Pulversacks vor, was bei
Waffen dieses Alters eine seltene Ausnahme darstellt und den konservatorischen Wert massiv steigert.

Waffenhistorische Dokumentation & Zustandsbericht © 2026
Geprüftes Originalexemplar – Gustav Gerling, Kiel (ca. 1850)

 

 

 

 

 

 

 

 


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